Was lange undenkbar schien, ist 2026 Realität: An immer mehr Tesla Superchargern laden BMW, Mercedes, Hyundai und Co. Seite an Seite mit Teslas. Doch ist die Öffnung ein Geschenk – oder ein Problem für Tesla-Fahrer?
Der Status quo: Wie weit ist die Öffnung?
Europa: Fast vollständig offen
In Europa hat Tesla mittlerweile über 80% aller Supercharger-Standorte für Fremdmarken geöffnet. Die Zahlen:
| Land | Standorte gesamt | Davon offen | Anteil |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 198 | 172 | 87% |
| Frankreich | 165 | 148 | 90% |
| Niederlande | 89 | 85 | 96% |
| Norwegen | 78 | 76 | 97% |
| Spanien | 72 | 61 | 85% |
| Italien | 68 | 54 | 79% |
| Österreich | 34 | 30 | 88% |
| Schweiz | 28 | 26 | 93% |
USA: Langsamer, aber mit NACS-Turbo
In den USA verläuft die Öffnung anders. Statt bestehende Standorte zu öffnen, baut Tesla neue Stationen mit NACS- und CCS-Steckern parallel. Gleichzeitig wechseln immer mehr Hersteller (Ford, GM, Rivian, Mercedes, BMW, Hyundai, Kia) zum NACS-Standard – was die Öffnung langfristig überflüssig macht.
Warum öffnet Tesla überhaupt?
1. EU-Fördergelder
Der größte Treiber in Europa: Die EU hat klar gemacht, dass öffentliche Fördergelder für Ladeinfrastruktur nur an offene Netzwerke fließen. Tesla hätte auf Milliarden an Subventionen verzichten müssen.
2. Zusätzliche Einnahmen
Fremdmarken-Fahrer zahlen 40-60% mehr pro kWh als Tesla-Fahrer. Bei einem durchschnittlichen Ladevorgang verdient Tesla an einem Fremdmarken-Kunden mehr als an einem eigenen.
| Tarif | Tesla-Fahrer | Fremdmarke (ohne Abo) | Fremdmarke (mit Abo) |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 0,36 EUR/kWh | 0,59 EUR/kWh | 0,47 EUR/kWh |
| Frankreich | 0,34 EUR/kWh | 0,55 EUR/kWh | 0,44 EUR/kWh |
| Niederlande | 0,38 EUR/kWh | 0,61 EUR/kWh | 0,49 EUR/kWh |
3. Netzwerk-Effekt
Je mehr Menschen an Superchargern laden, desto mehr Umsatz generieren die Standorte – desto schneller amortisiert sich die Investition – desto mehr neue Standorte kann Tesla bauen.
4. NACS als Standard durchsetzen
In den USA hat Tesla mit der Öffnung einen strategischen Volltreffer gelandet: Indem alle Hersteller Zugang zum besten Ladenetzwerk bekommen, wechseln sie freiwillig zum Tesla-Stecker (NACS). Tesla kontrolliert damit den de-facto-Ladestandard Nordamerikas.
Was bedeutet das für Tesla-Fahrer?
Die Sorgen
Die Tesla-Community hat berechtigte Fragen:
Wird es voller? Ja, tendenziell. An beliebten Standorten (Autobahn-Raststätten, Einkaufszentren) steigt die Auslastung. Tesla reagiert:
- Standorte mit hoher Fremdmarken-Nutzung werden bevorzugt ausgebaut
- Neue Stationen werden von Anfang auf mit mehr Ladepunkten geplant
- Dynamisches Pricing soll Spitzenzeiten entzerren
Werden die Preise steigen? Bisher nicht. Tesla hält die Preisdifferenz aufrecht. Für Tesla-Fahrer bleibt der Vorteil.
Leidet die Ladegeschwindigkeit? Das hängt vom Standort ab. Wenn alle Plätze belegt sind, teilt sich die Leistung. Tesla adressiert das mit V4-Superchargern, die dedizierte Leistung pro Stall bieten.
Die Vorteile
Überraschenderweise profitieren auch Tesla-Fahrer:
- Mehr Standorte: Die Einnahmen aus Fremdmarken finanzieren den schnelleren Netzausbau
- Bessere Standorte: Mit mehr Umsatz kann Tesla Premium-Standorte mit Lounges, Toiletten und Gastronomie bauen
- Günstigere Preise: Skaleneffekte könnten langfristig die Preise für alle senken
- Weniger "ICE-ing": An offenen Standorten parken weniger Verbrenner auf Ladeplätzen, weil die Stationen bekannter sind
Praxistest: Wie gut funktioniert die Öffnung?
Wir haben an 15 deutschen Supercharger-Standorten getestet, wie die Öffnung in der Praxis funktioniert.
Plug & Charge für Fremdmarken
Das Ladeerlebnis für Nicht-Tesla-Fahrer hat sich 2026 deutlich verbessert:
- Plug & Charge: Mit neueren Fahrzeugen (ab Baujahr 2023) funktioniert Plug & Charge – einstecken und laden, ohne App
- Tesla App: Alternativ kann über die Tesla App gestartet und bezahlt werden
- Kreditkarte: An V4-Stationen gibt es ein Kreditkarten-Terminal direkt am Ladepunkt
Ladegeschwindigkeit: Tesla vs. Fremdmarke
Ein interessantes Ergebnis: Die Ladegeschwindigkeit unterscheidet sich kaum.
| Fahrzeug | Max. Ladeleistung | 10-80% Ladezeit | Standort |
|---|---|---|---|
| Tesla Model Y LR | 250 kW | 26 Min. | SuC V3 |
| BMW iX xDrive50 | 195 kW | 31 Min. | SuC V3 |
| Hyundai Ioniq 5 | 233 kW | 28 Min. | SuC V3 |
| Mercedes EQE | 170 kW | 34 Min. | SuC V3 |
| Tesla Model 3 P | 250 kW | 24 Min. | SuC V4 |
| Porsche Taycan | 270 kW | 23 Min. | SuC V4 |
Auslastung: Die Realität
An den 15 getesteten Standorten:
- Durchschnittliche Auslastung: 47% (werktags), 68% (Wochenende)
- Fremdmarken-Anteil: 23% der Ladevorgänge
- Wartezeit: 0 Minuten an 12 von 15 Standorten, 5-10 Minuten an 3 Standorten (alle Autobahn)
- Defekte Stalls: 4% (branchenüblich)
Die Konkurrenz reagiert
Die Öffnung des Supercharger-Netzwerks hat die Wettbewerbslandschaft beim Laden fundamental verändert.
IONITY unter Druck
Europas größter High-Power-Charging-Anbieter IONITY (Joint Venture von BMW, Mercedes, Ford, Hyundai, VW) sieht sich plötzlich einem übermächtigen Konkurrenten gegenüber:
- Tesla hat 3x mehr Standorte in Europa als IONITY
- Tesla bietet günstigere Preise
- Teslas Zuverlässigkeit liegt bei 98%, IONITY bei ~92%
IONITY hat reagiert und die Preise gesenkt. Der Abo-Preis liegt jetzt bei 0,39 EUR/kWh – nah an Teslas Fremdmarken-Abo.
Neue Player: Fastned, EnBW, Aral Pulse
Auch kleinere Anbieter spüren den Druck. Viele setzen jetzt auf Differenzierung durch Komfort: Überdachte Ladepunkte, Lounges, bessere Standortwahl.
Supercharger V4: Die nächste Generation
Tesla rollt parallel zur Öffnung seine V4-Supercharger aus. Die wichtigsten Verbesserungen:
- 350+ kW Ladeleistung: Bereit für die nächste Generation Elektroautos mit 800V-Architektur
- Längere Kabel: Endlich auch für Fahrzeuge mit Ladeanschluss vorne geeignet
- Magic Dock (USA): Integrierter CCS-Adapter, kein separater Stecker nötig
- Kreditkarten-Terminal: Bezahlung ohne App möglich
- Dedizierte Leistung: Kein Power-Sharing zwischen benachbarten Stalls
Ausblick: Wohin entwickelt sich das Ladenetzwerk?
Teslas Pläne bis 2028
- 10.000 Standorte weltweit (aktuell: ~7.500)
- 100.000 Ladepunkte (aktuell: ~58.000)
- V4 als Standard an allen neuen Standorten
- Megacharger für Tesla Semi an Logistik-Knotenpunkten
- Ladeparks: Flagship-Stationen mit 50+ Ladepunkten, Lounge, Shop und Restaurant
Was wir uns wünschen
- Echtzeitverfügbarkeit in der Tesla App (kommt angeblich 2026 H2)
- Reservierungsfunktion für einzelne Stalls
- Treueprogramm für Vielnutzer
- Induktives Laden an ausgewählten Standorten
Fazit
Die Öffnung des Supercharger-Netzwerks ist eine der klügsten Entscheidungen, die Tesla je getroffen hat. Kurzfristig teilen sich Tesla-Fahrer ihre exklusiven Ladeplätze. Langfristig profitieren alle: mehr Standorte, bessere Infrastruktur, günstigere Preise durch Skaleneffekte.
Für Fremdmarken-Fahrer gibt es keinen Grund mehr, Tesla-Supercharger zu meiden. Das Netzwerk ist zuverlässig, die Preise fair und das Ladeerlebnis dank Plug & Charge mittlerweile genauso einfach wie für Tesla-Fahrer.
Tesla hat verstanden: Das beste Ladenetzwerk der Welt wird noch besser, wenn alle es nutzen.
